Kleiner Fun Fakt! Die Anno-Serie hat ihren Ursprung im verschneiten Schladming in Österreich. Zu wahrer Größe hat es die Serie dort nicht geschafft und schlussendlich kapitulierten auch die Entwickler, da es relativ schwer ist, in einem 6.500 Einwohner-Ort ein internationales Spielestudio zu betreiben. So wanderten die Rechte irgendwann zu Ubisoft, wo Blue Byte (bekannt durch die Siedler-Serie) stetig am Konzept arbeitete und mit Anno 1800 das wohl größte und beliebteste Aufbauspiel seit Jahren schuf. Ein schweres Erbe, das Anno 117: Pax Romana hier antreten will – und das zusätzlich noch auf der PS5!
Pax Romana
Welches vom Lateinischen ins Deutsche übersetzt bedeutet: „Der römische Frieden“. Es handelt sich hier um eine Epoche im Römischen Reich, welche ca. 27 v. Chr. ihren Beginn nahm und knapp 200 Jahre anhielt. Das Jahr 117 dürfte wohl eher der Quersumme 9 (ein Markenzeichen der Serie) geschuldet sein, als dass es hier große historische Ereignisse gab. Dennoch befindet man sich inmitten dieser goldenen Zeit und kann allerhand kulturelle und wirtschaftliche Erfolge feiern.
Hier spielt auch die Hauptkampagne von Anno 117, in der ihr die Rolle von Marcus oder Marcia übernehmt. Jede Geschichte folgt einer ähnlichen Rahmenhandlung, in der ihr zuerst eine Siedlung in Latium hochziehen dürft, später in Albion landet und dann dem neuen Kaiser begegnet. Die Handlung wird in kurzen Zwischensequenzen erzählt und bietet eine volle Vertonung. Ihr müsst kleinere Quests erledigen, die einem die grundlegende Struktur des Spiels näherbringen. Hier und da dürft ihr auch wählen, wie ihr diese Probleme löst. Die Geschichte ist kurz und zumindest unterhaltsam, jedoch sollte man kein römisches Epos erwarten. Dafür plätschert sie zu lange vor sich hin und dient am Ende nur als eine erweiterte Einführung. Hier hat man einiges an guten Ideen und Herausforderungen verspielt. Wer am Ende dieser Reise angelangt ist, kann in dieser Welt weiterspielen oder eine neue Karte beginnen und sich dem wahren Kern der Anno-Reihe widmen: dem Endlosspiel.
Latium – Im Herzen des Imperiums
Das Kernelement von Anno hat sich nicht viel geändert. Noch immer startet ihr auf einer Insel mit begrenztem Platz und Vorkommen. Für die ersten Siedler reichen schon ein Holzfäller mit Sägewerk, ein Hanffeld für Bekleidung und ein Fischer für die Verpflegung. Die einfachsten Bedürfnisse wären somit erfüllt und der Grundstein der Stadt ist gelegt. Dank dem neuen Gitter- und Planungssystem war es nie leichter, Strukturen und Straßen zu planen. Da kommt die römische Stadtplanung sehr gelegen, welche stark auf Achsen gesetzt hat. So hat man schnell seine Siedlerfelder mit einem zentralen Markt in der Mitte angelegt.
Eine Besonderheit von Anno 117 ist jedoch, dass Städte von zentraler Industrie profitieren. Ein Filzer bringt zusätzliches Einkommen, wenn er inmitten der Häuser platziert wird. Ähnliche Systeme finden sich auch bei späteren Produktionsstätten, welche weitere positive Effekte wie mehr Einkommen, Wissen, Unterhaltung und Einwohnerzahl mit sich bringen. Aber auch negative Aspekte sollte man nicht außer Acht lassen: Eine Schweinefarm inmitten der Stadt drückt das Wohlbefinden der Bevölkerung. Der dazugehörige Schmalzerzeuger wiederum bringt ein erhöhtes Brandrisiko mit sich. Wählt mit Bedacht, wo die Industrie angesiedelt werden soll, denn dies kann auf kleinen Inseln schnell zum Problem werden.
Mit der Zeit ergibt sich ein Mix aus Wohngebäuden, Industrie und Kultureinrichtungen. Das kleine Städtchen wird schnell wachsen und die Bedürfnisse der Bewohner gleich mit. Liberti (die unterste Stufe) brauchen nicht viel. Plebejer verlangen jedoch schon aufwendige Güter wie Seife oder zusätzliche Bauwerke wie einen Grammaticus. Die Ansprüche von Equites sind nochmals höher, und das geforderte Aquäduktsystem wird die Stadtplanung erneut über den Haufen werfen. Dies wird nur noch von den Patriziern übertroffen, welche sich nach dem Amphitheater sehnen. Jede dieser Bevölkerungsgruppen hat besondere Wünsche. Dank dem gut strukturierten Bedürfnissystem kann man diese schnell ablesen. Ein Mix dieser Gruppen ist unumgänglich, da sie für die Herstellung unterschiedlicher Güter benötigt werden.
Da die Startinsel nicht alle natürlichen Ressourcen bietet, kann man Engpässe durch klugen Handel abdecken oder – der bessere Weg – weitere Inseln besiedeln. Die wichtigsten Baumaterialien werden in das Flaggschiff gepackt, und man sucht sich eine entsprechende Insel mit Rohstoffen aus. Der Ablauf beginnt von Neuem, wobei das Ziel der Siedlung darin besteht, die Hauptinsel mit allen Annehmlichkeiten auszustatten. Von nun an greift das nächste Kernelement der Anno-Reihe: perfekt organisierte Versorgungsketten.
Albion – Zu den Kelten
Um die Versorgung aller Güter zu gewährleisten, muss man sich den Kelten in Albion, der britannischen Kolonie, zuwenden. Statt sonniger Mittelmeerinseln findet man hier Sumpflandschaften und viel Regen. Statt schöner Tuniken bevorzugen die Kelten Schilfschuhe, und Bier wird dem Wein bevorzugt. Albion bietet eine komplett andere Bevölkerungsgruppe, bestehend aus Wanderern, Schmieden und Ältesten – oder, wer den römischen Weg wählt, Mercatoren und Edelmännern. Kelten und Römer können auf einer Insel koexistieren, haben jedoch unterschiedliche Ansprüche und Bauwerke. Ein Kernelement in Albion ist der Sumpf. Dieser liefert wichtige Rohstoffe für beide Gruppen, kann aber nur von speziellen Bauwerken genutzt werden. Da diese Inseln deutlich kleiner sind, muss man sich irgendwann entscheiden, ob man den Sumpf trockenlegt, um mehr Baufläche zu schaffen. Ähnlich wie bei den Aquädukten wird auch hier wieder die komplette Siedlungsplanung über den Haufen geworfen und der Knobelspaß kann beginnen. Beide Regionen bieten unterschiedliche Herausforderungen, können aber auf Wunsch auch für sich alleine stehen. Jedoch trägt gerade der Wechsel zwischen beiden Regionen zum essenziellen Spielspaß bei.
Diplomatie und Krieg für Angänger
Früher oder später wird man auf Mitstreiter treffen. Einerseits erleichtern diese die eigene Versorgung, andererseits buhlen sie ebenfalls um die Gunst des Kaisers und besiedeln Inseln. Im Endlosspiel kann man diese frei wählen, entfernen oder später hinzufügen. Ihr könnt ihnen friedlich begegnen oder im Kampf. Leider fehlt es beiden Systemen an Tiefe. Die Diplomatie ist ein nettes Beiwerk, aber richtiges Feilschen gibt es kaum. Die Charaktere verhalten sich meist exakt so, wie sie in der Beschreibung dargestellt sind.
Ähnliches gilt, wenn man kriegerisch vorgehen will. In den leichteren Schwierigkeitsgraden kann man Gegner leicht mit Masse statt Klasse überrumpeln. Bei höheren Graden fängt die KI an zu cheaten. Der Kampf ist ohnehin nicht die beste Lösung. Man hatte versprochen, das System spannender zu gestalten, doch es bleibt zäh. Schiffe können nun mit unterschiedlichen Kampf Module ausgestattet werden und Bodentruppen kehren zur Serie zurück. Diese funktionieren nach dem einfachen Stein-Schere-Papier Konzept. Der Kampf bleibt sehr undynamisch und wird auf dem Land schnell zu einer unübersichtlichen Materialschlacht. Auf See sind die Schlachten dem historischen Setting geschuldet, welche kaum taktische Tiefe bieten.
Womöglich bietet der Kampf mehr Spass wenn man gegen menschliche Mitspieler antritt, gegen die KI bleibt es sehr schwach. Unumgänglich wird der Kampf, wenn man sich im Endspiel vom Kaiser lossagen will. Der Kaiser fordert einem immer wieder mit Aufgaben, wo man in seinem Ruf steigen oder Fallen kann. Es locken besondere Boni oder auch der Aufstieg zu seiner Rechten. Wer will kann auch gegen ihn arbeiten und man wir am Ende mit mehreren Angriffswellen konfrontiert. Wie viele Ideen fehlt es hier auch noch etwas an fein Justierung und Kreativität.
Religion, Forschung und Spezialisten
Das Römische Reich und die Kelten bringen ihr eigenes Götter-Pantheon mit sich. Jeder Insel kann ein bestimmter Gott zugeordnet werden, was zusätzliche Buffs für Ernten, Produktionen oder Wissen bringt. Mit steigender Verehrung werden weitere Boni wie Gebäude und Statuen freigeschaltet. Eine weitere Möglichkeit, die Produktivität zu steigern, sind die Spezialisten. Diese erhält man während Festen oder bei Händlern. Setzt man sie in die Villa oder das Officium, bieten sie Umgebungseffekte. Ähnliches gibt es bei Schiffen mit Kapitänen. Als letztes großes Menü verbirgt sich die Forschung. Hier werden neue Technologien und Verbesserungen freigeschaltet. Er gliedert sich in Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Militär. Auch hier gilt, je mehr Wissens Einrichtungen hat, desto schneller werden Technologien freigeschaltet. Spielstandübergreifend findet man noch die Ruhmeshalle. Bei Erfüllen entsprechender Bedingungen bekommt man Punkte, welche man in gestalterische Ornamente investieren kann oder auch Technologien dauerhaft freischaltet. Ob dieses System „der Weisheit letzter Schluss“ ist kann angezweifelt werden.
Der Kampf mit dem Controller
Die größte Frage ist, ob die Umsetzung auf die Konsole funktioniert hat. Ubisoft konnte mit dem Vorgänger bereits Erfahrung sammeln, doch das Ergebnis von Anno 1800 war aufgrund fehlender Inhalte zwiegespalten. Dieser Fehler wurde behoben: Die PS5-Version ist inhaltsgleich mit der PC-Version. Sämtliche DLCs sollen zeitgleich erscheinen, zudem ist Cross-Save und sogar Cross-Play zwischen PC und Konsole möglich.
Was die Steuerung betrifft, kann ein PS5 Controller nicht mit einer Maus und Tastatur Kombination mithalten. Auf den ersten Blick scheint einem die Steuerung zu erschlagen und die Controller Erklärung wird aus gutem Grund im Pause Menü angezeigt. Wenn man aber das Grundsystem erstmal versteht, eröffnet sich ein überraschend flüssiges Erlebnis. Die wichtigsten Tasten sind L2 und R2. Bei L2 öffnet sich ein Quickmenü welches alle Basis Befehle hat um schnell Strukturen zubauen, verschieben oder zu bearbeiten. Wer will, kann hier die Befehle sogar individuell belegen. Bei R2 öffnet sich das Bau und Truppenmanagment Menü. Bei Bauen kann man mit L1/R1 durch die verschiedenen Gebäudetypen und Bevölkerungen durschalten. Danach wird wieder über ein Rad Menü gewählt. Man wählt das zu erzeugendes Produkt aus und findet in einem separaten Fenster die dazugehörenden Gebäude. Mit dem Steuerkreuz wählt man diese aus und platziert sie. Das es derart einfach geht, ist der neuen Umstrukturierung des Bausystems zu verdanken. Dies macht es selbst auf Konsolen einfach schnell und unkompliziert die Anno typischen Warenketten zu positionieren. Mit Kopieren (L2) lassen sich schnell mehre Typen dann positionieren. Auch das Straßennetz ist schnell gebaut, da es Strukturen automatisch erkennt und nun auch diagonal bauen kann. Leider ist die Auswahl der verschiedenen Schiffe und Truppen nicht so gut gelöst. Dies ist sehr fummelig. Auch hier merkt man, dass der Kampf nicht unbedingt das Hauptaugenmerk ist.
Damit wäre zumindest ein Großteil der gebräuchlichen Funktionen abgedeckt, jedoch wird es sehr fummelig, wenn man in Untermenüs will. Hier muss man Tasten lange halten, mal das Touchpad benutzen, zwischen Steuerkreuz und Sticks wechseln oder dann doch Zahlen im Auswahl Menü eingeben. Gerade bei den Handelsketten kann diese sehr zeitaufwendig werden. Hier zeigt sich wie Frustresident man wirklich ist. Immer wieder wird man die Falsche Taste drücken und wird mehrere Schritte zurück geworden. Das ist wohl das Limit, was mit einem Controller noch machbar ist. Man muss lernen mit diesen Schwächen zu leben und hoffen, dass man es irgendwann unterbewusst verinnerlicht!
Rom für jedermann
Grafisch gehört Pax 117 zu den wohl schönsten Aufbauspielen seit langem. Dies ist zum Großteil der opulenten römischen Bauweise geschuldet, aber auch dem Detailgrad der Umsetzung. Egal welches Gebäude man ansieht man kann erstaunlich nahe ran zoomen und den Siedlern bei ihrer Arbeit zusehen. Die Lastkarren fahren vom Lagerhaus hin und her und auf den Straßen zahlreiches treiben. Wird ein Fest ausgerichtet, zieht auch eine entsprechende Menschenmasse herum und wenn Amphitheater zu den Spielen lädt, bewegen sie sich dort hin. Mit dem Cheat (hoch, hoch, runter, runter, links, rechts, links, rechts, Kreis, X) kann man auch in die Sicht eines Bürgers wechseln und die Stadt zu Fuß erkunden. Auch der Postkarten Modus zaubert schöne Landschaften, wo man sich nach einem dezidierten Fotomodus sehnt. Technisch läuft es erstaunlich flüssig (Abgesehen vom Cheat) und die Framerate droht nur bei Schlachten, Regenwetter und riesigen Siedlungen kurz in die Knie zu gehen. Leider wird man die festgelegten 30 FPS nie überschreiten, aber zumindest ist es in 4K. Musikalisch haben die beiden Regionen unterschiedliche Themen, sind aber absolut stimmig. Auch die Synchrosinstation ist durchaus gelungen. Das Highlight sind aber die Umgebungsgeräusche, wenn man einmal genauer in die Siedlung zoomt. Hier kommt ein richtiges Mittendrin Gefühl auf. Bugs sind einige noch zu finden. Besonders im Bereich des Handelsmenü und bei der Auswahl bei späteren Produktionsketten. Dennoch führte keiner in den zig Stunden zu einem Absturz oder machte das Spiel unspielbar.
FAZIT:
Anno 117: Pax Romana tritt ein schweres Erbe an. Über Jahre hat sich Anno 1800 zum Aufbau Giganten entwickelt und da ist es schwer schon im Basis Spiel die zahlreichen Optionen darzustellen. Kein Wunder, dass man sich bei 117 neu orientiert hat und das Gameplay etwas entschlackte. Die große Befürchtung war ja, dass das römische Zeitalter nicht mit der Industriellen Revolution mithalten kann. Glücklicherweise belehrt man uns hier eines Besseren. Die fehlende Vielschichtigkeit der Warenketten hat man mit den unterschiedlichen Regionen gut gelöst. Beide sind eigenständig und bieten nicht nur Bevölkerungstechnisch, sondern auch Gebäudetechnisch unterschiedliche Herausforderungen. Wer das maximale von seinen Siedlungen herausholen will, kommt um ein gut organisiertes Handelsnetzwerk nicht herum. Götter und die neuen Spezialisten sorgen zudem auch für taktische Abwechslung, um das Optimum aus der jeweiligen Siedlung herauszuholen. Selbst Schönbauer haben mit den gut modellierten Gebäude ihre Freude. Abgerundet wird das Erlebnis, dass es durchaus sauber auf der PS5 läuft und kompatibel mit allen Versionen ist.
Gerade die Kompatibilität zur PS5 war es, warum ich nach 12 Stunden am PC wechseln wollte. Ich wollte persönlich wissen, ob ein Anno Erlebnis auf der Konsole funktioniert. Nach weiteren 40 Stunden, kann ich es bestätigen. Die Controller Steuerung geht mit der Zeit gut von der Hand. Auch wenn ich selbst immer noch mit den Untermenüs kämpfe. Grafisch vermisse ich nicht viel und die paar unsauberen Stellen, sind leicht zu ignorieren. Das Anno Erlebnis hat mich auf der PS5 gepackt! Deswegen bin ich gewillt, dass ich trotz technischer und Steuerung Schwächen hier eine klare Kaufempfehlung ausspreche!
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