South of Midnight
Compulsion Games sagt mir etwas! Ah ja, die waren doch damals für den PS4-Launch-Titel „Contrast“ verantwortlich. Das Puzzle-Jump-and-Run besaß zwar einige gute Ideen, konnte mich aber nicht wirklich packen. Das Nachfolgeprojekt „We Happy Few“ bot wiederum einige frische Ideen, der Mix aus Survival, Roguelike und First-Person-Shooter war am Ende jedoch total unausgegoren (selbst nach einer Early-Access-Phase). Danach wurde das kleine Studio von Microsoft übernommen. Der jüngste Titel „South of Midnight“ war deshalb zunächst der Xbox bzw. dem PC vorbehalten. Doch dank Microsofts Multiplattform-Strategie erschien das Action-Adventure mit leichter Verspätung auch für die PS5 – dafür können wir dankbar sein.
Die Nacht des Sturms
„South of Midnight” erzählt die Geschichte von Hazel Flood, einem ganz normalen Teenager, der mit seiner Mutter am Rande eines Bayous in den Südstaaten lebt. Reich sind die beiden nicht, doch sie führen ein glückliches Leben. An diesem Tag kommt Hazels Mutter, die im Sozialwesen arbeitet, verspätet nach Hause, während bereits ein gewaltiger Hurrikan aufzieht. Solche Stürme sind in der Region keine Seltenheit. Während Hazel die ersten Habseligkeiten zusammensucht und auf ihre Mutter wartet, beginnt das Spiel. Die Anfangsminuten dienen dabei als sanfte Einführung in Steuerung und Gameplay-Mechaniken.

Doch die Ruhe hält nicht lange an. Durch die Gewalt der Wassermassen wird das Haus mitsamt Hazels Mutter aus der Verankerung gerissen und stromabwärts getrieben. Hazel, die als sportlich gilt, rennt am Ufer entlang und versucht verzweifelt, das Haus einzuholen – allerdings ohne Erfolg. Schließlich bleibt ihr nur noch eine Hoffnung: ihre Großmutter. Bei ihr entdeckt Hazel die sogenannten Nadeln, magische Werkzeuge, mit denen sich die „Große Tapisserie“ reparieren lässt – das Gewebe, aus dem das Universum selbst besteht. Dieses Gewebe bekommt immer dann Risse, wenn an einem Ort großes Leid geschieht und gebrochene Seelen zurückbleiben.
Je weiter Hazel ihrer Mutter auf der Spur ist, desto stärker wächst sie in ihre Rolle als Weberin hinein. Ihre Aufgabe besteht darin, die Wunden der Vergangenheit zu heilen und den Schmerz zu lindern. Auf ihrer Reise begegnet sie zahlreichen Kreaturen aus der Südstaaten-Folklore: riesigen Monstern, geisterhaften Wesen und tragischen Figuren, die oft aus Schuld, Verlust und alten Traumata entstanden sind. Viele dieser Gegner sind nicht wirklich böse, sondern vielmehr Opfer ihrer eigenen Geschichte.

Besonders Benjis Schicksal bleibt lange im Gedächtnis, doch auch die anderen Geschichten berühren emotional. „South of Midnight” verbindet düstere Fantasy mit Folklore, Magie und familiären Konflikten und vermittelt dabei die klare Botschaft, dass Empathie keine Schwäche ist.
Springen, Kämpfen, Rennen, Fliegen
Das grundlegende Konzept erinnert an viele gute Action-Adventures der PS3-Ära. Man erkundet relativ geradlinige Levels, kann aber auch abseits der Wege versteckte Geheimnisse entdecken. Die Abschnitte bieten viel Abwechslung, und das nicht nur grafisch. Die Palette reicht von überfluteten Feldern am Anfang über düstere Sümpfe und versteckte Bergdörfer bis hin zu gruseligen Villen. Immer wieder muss der Spieler Geschicklichkeitseinlagen absolvieren, die jedoch zu keiner Zeit unfair sind. Mit ein wenig Übung sollten auch Neulinge jedes Hindernis überwinden können. Zumal Hazel mit der Zeit auch weitere Fertigkeiten erlernt (Doppelsprung, Segeln usw.). Kleinere Rätsel lockern das Geschehen von Zeit zu Zeit auf, sind aber auch nicht mehr als das: eine willkommene Abwechslung. Man muss nicht wirklich Hirnschmalz aufwenden und auch die Timing-Aufgaben sind immer lösbar. Die Kämpfe finden dagegen immer in abgesperrten Arenen statt. Man muss alle Fieslinge besiegen, bevor man dem Ursprung des Ganzen den Stecker zieht. Die Schergen unterscheiden sich in Größe, Angriff und Geschwindigkeit. Doch mit zunehmender Spielzeit vervollständigt man Hazels Skill-Set und wird so zu einem würdigen Gegner – vor allem, wenn man den Puppenfreund nutzt, um die Feinde kurzzeitig zu übernehmen. Ansonsten gibt es einen Standardangriff, einen Spezialangriff, Konter usw. Die Ausweichrolle ist auch oft von Nutzen, um schnell aus dem Gefahrenbereich zu kommen. Es gibt auch Bosskämpfe, die manchmal ein Highlight sind, da sie oft mehrstufig aufgebaut sind. Auf der anderen Seite können sie auch nerven, beispielsweise beim Kampf gegen das Krokodil. Hier kommt es auf genaues Ausweichen an, doch die Framerate driftet dabei immer in den Keller ab, wodurch dieser Kampf unnötig schwer wird.

Insgesamt bietet das Abenteuer eine absolut passable Spiellänge und bleibt bis zum Ende spannend, wenngleich sich der Gameplay-Mix mit der Zeit wiederholt. Die starke Optik und der packende Sound fesseln den Spieler trotzdem ans Joypad. Im Gegenzug erhält man eine Spielerfahrung, die man nicht so schnell wieder vergessen wird!
Stop Motion Technik
Ein Videospiel kann durchaus von einer starken visuellen Identität leben. „South of Midnight“ ist ein Paradebeispiel dafür. Der erwachsene Comic-Stil passt perfekt zu den Stop-Motion-Animationen. Dadurch fühlt man sich wie in einem Film! Auch die Umgebungen sind sehr abwechslungsreich, wobei sie alle in der Region um den Bayou in den USA angesiedelt sind. Für das originelle Setting und die konsequente Umsetzung dieser starken Identität sammelt der Titel eine Menge Pluspunkte. Negativ sind vereinzelte Bugs und die Framerate zu nennen, die vor allem bei den Bosskämpfen zusammenbricht. Dadurch entsteht mitunter das Gefühl, dass die Steuerung nicht mehr zügig genug auf die Eingaben des Spielers reagiert. Während des Großteils des Abenteuers dürfte die Framerate aber ausreichen, auch wenn keine festen 60 fps geboten werden. Die Untertitel sind zwar groß genug, aber oft schlecht lesbar, da der Hintergrund zu hell ist. Zudem ist die Formatierung nicht sonderlich gut gelungen und einzelne Wörter erscheinen erst bei der nächsten Einblendung.

Der Sound des Südens
Der Titel greift die Legenden und Märchen des amerikanischen Südens auf. Durch Sklaverei und Ausbeutung hat sich dort über Jahrzehnte hinweg eine ganz eigene Kultur entwickelt. Mit ganz eigenen Legenden und Märchen. Und natürlich Musik – hier kann das Spiel besonders punkten. Mit einem Flair, das von den Südstaaten inspiriert ist, werden jazzige Lieder und ganz eigene Balladen in die Geschichte und das Spiel integriert. Die Songs treiben die Handlung voran und sind ein wichtiges (emotionales) Bindeglied. Doch auch neben diesen Höhepunkten braucht sich der umfangreiche Soundtrack nicht zu verstecken. Das gilt ebenso für die vielen Umgebungsgeräusche, die dafür sorgen, dass man sich in den Sümpfen und Wäldern immer schön (un)wohl fühlt. Ein weiterer großer Pluspunkt ist die englische (und französische) Sprachausgabe, denn die Sprecher reden mit einem passenden Slang, der die ohnehin schon dichte Atmosphäre weiter verstärkt.

Die Kunst der Extras
Die PS5-Version kostet im PlayStation Store 39,99 €, was für das Abenteuer ein mehr als passender Preis ist. Im Paket sind jedoch auch alle Extras der Digital Deluxe Edition enthalten. Im Gegensatz zu vielen anderen Spielen wird hier tatsächlich ein richtig guter Mehrwert geboten. Neben dem Soundtrack und allen Story-Songs (mit Texten) kann man sich auch ein Musikvideo und eine Dokumentation ansehen. Wem das nicht reicht, der darf sich in einem englischsprachigen Sequel-Comic eine weitere Geschichte über Hazel und den Bayou zu Gemüte führen und im umfangreichen Artbook schmökern. Bemängeln könnte man lediglich, dass der Zugriff über eine weitere App erfolgt und nicht über das Spiel selbst.
FAZIT:
„South of Midnight“ ist ein packendes Action-Adventure mit schaurig-schöner Atmosphäre, gelungenem Grafikstil, toller Akustik – und vor allem einem Anfang, einem Mittelteil und einem Ende. Dazu kommt der faire Preis, bei dem auf der PS5 die digitalen Extras der Deluxe Edition enthalten sind. Deshalb verzeiht man dem Spiel auch die eine oder andere Schwäche, denn unterm Strich ist es ein rundes Paket für alle abenteuerlustigen Spieler. Besitzt man zudem ein Faible für düster angehauchte Märchen, ist das umso besser.
[ Review verfasst von .ram ]
[ Gespielt auf einer PS5 Pro mit 4K HDR TV ]
Pluspunkte:
- Geschmeidige Mischung aus Action, Abenteuer, Kletterpassagen und Rätseln
- Klasse Soundtrack und tolle englische Sprecher
- Zeigt dem Spieler, dass es nicht immer nur Gut oder Böse gibt
Minuspunkte:
- Untertitel schlecht lesbar
- Framerate bricht bei den Boss-Kämpfen ein
- Wenig Taktik in Arenakämpfen nötig
Spielinfos