Tides of Tomorrow
Adventure-Spiele wie Telltales The Walking Dead zählten vor einigen Jahren noch zu den beliebtesten Genres der Branche. Nachdem der Hype um diese narrativen Erlebnisse jedoch beinahe vollständig abgeflacht ist, lässt sich in den vergangenen Jahren eine kleine, aber durchaus konstante Wiederbelebung beobachten. Titel wie Mixtape oder die angekündigte Neuauflage von Life Is Strange verdeutlichen, dass das Genre längst noch nicht abgeschrieben ist. Mit Tides of Tomorrow steht nun ein weiterer Vertreter in den Startlöchern, der frischen Wind in die Szene bringen möchte. Ob es dem Spiel gelingt, einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen, erfahrt ihr in unserer aktuellen Review.
Waterworld 2 - Electric Boogaloo
Die Geschichte von Tides of Tomorrow spielt in einer futuristischen Welt, die – ähnlich wie in Waterworld – nahezu vollständig vom Wasser verschlungen wurde. Und als wäre diese Ausgangslage nicht bereits bedrohlich genug, sieht sich die Menschheit zusätzlich mit einer tödlichen Krankheit konfrontiert: der sogenannten Plastemia. Diese wird durch Mikroplastikverschmutzung in den Meeren verursacht und führt bei den Infizierten unweigerlich zum Tod. Tragischerweise ist auch der Hauptprotagonist von dieser Krankheit betroffen. Doch ein Funken Hoffnung bleibt bestehen: Mit Ozen existiert ein seltenes, aber äußerst wirksames Gegenmittel, das die Symptome der Plastemia vorübergehend eindämmt und die HP-Leiste wiederherstellt. Der Spieler schlüpft in die Rolle eines Tidewalkers mit einzigartigen Fähigkeiten und kämpft darum, Ozen zu sichern, gegen die Plastemia vorzugehen und das Überleben auf dem überschwemmten Planeten Elynd zu gewährleisten. Dabei sind Interaktionen mit den rivalisierenden Fraktionen – Mystikern, Maraudern und Reclaimern – zentral, die um Ressourcen, Einfluss und Ozen wetteifern; Allianzen lassen sich schmieden oder zerstören, während die eigenen Entscheidungen und das asynchrone Story-Link-System die Welt nachhaltig prägen.

Innovatives Gameplay und der Einfluss auf die Welt
Was Tides of Tomorrow dabei besonders interessant macht, ist die enge Verzahnung von Gameplay und Story. Auf den ersten Blick wirkt das Spiel wie ein klassisches Adventure à la Telltale’s The Walking Dead, bei dem man sich über verschiedene Dialogoptionen durch die Handlung bewegt. Der entscheidende Twist liegt jedoch in der Fähigkeit eures sogenannten Tidewalkers: Er kann die Handlungen anderer Spieler aus der Vergangenheit wahrnehmen. Dies geschieht in Form von hologrammartigen Visionen – den sogenannten „Wogen der Zeit“. Diese zeigen, wie echte Spieler auf der PS5 bestimmte Abschnitte gemeistert und Entscheidungen getroffen haben. Dabei handelt es sich jedoch nicht bloß um ein einfaches Nachspielen einzelner Szenen. Die gezeigten Handlungen können teils erhebliche Auswirkungen auf den eigenen Spielverlauf haben. Hat ein Vorgänger beispielsweise eine Fraktion verärgert, kann es passieren, dass diese euch im aktuellen Durchgang deutlich weniger freundlich begegnet. Das äußert sich nicht nur in der Kommunikation, sondern auch in verschärften Sicherheitsmaßnahmen. Als Spieler steht man somit vor der Wahl, diesen Zustand zu akzeptieren oder aktiv gegenzusteuern, um das Gleichgewicht wiederherzustellen – und damit auch den Weg für nachfolgende Spieler zu beeinflussen.
Und über allem schwebt zu jeder Zeit eure Plastemia-Erkrankung, die euch nach und nach die Lebensenergie entzieht. Um dem entgegenzuwirken, ist es essenziell, regelmäßig Ozen zu finden. Dieses erhält man entweder im Verlauf der Story, über Händler oder versteckt in herumliegenden Kisten – vorausgesetzt, ein vorheriger Spieler war so großzügig, etwas Ozen für nachfolgende Protagonisten zu hinterlassen. Darüber hinaus beeinflussen eure Entscheidungen im Umgang mit der Spielwelt, ob das Ozen euch selbst zugutekommt oder beispielsweise an andere erkrankte Charaktere gespendet wird. Wie so oft in Spielen dieser Art liegt es ganz beim Spieler, ob man kooperativ oder eher antagonistisch durch die Welt schreitet. Eingebettet ist das Ganze in eine vergleichsweise einfache Story, in der es – wie bereits erwähnt – darum geht, gegen die Plastemia vorzugehen, Ozen zu sichern und durch Interaktionen mit den rivalisierenden Fraktionen das fragile Gleichgewicht der Welt von Elynd zu beeinflussen. Spielerisch präsentiert sich Tides of Tomorrow dabei aus der Ego-Perspektive. Beim Erkunden verschiedener Städte und Gebiete lockern immer wieder einzelne Gameplay-Passagen wie Faustkämpfe, Bootrennen oder Schleichabschnitte das Geschehen auf und sorgen für etwas Abwechslung. Dennoch steht die Geschichte samt ihrer enormen Entscheidungsfreiheit im Mittelpunkt des Erlebnisses. Ich fand die Story von Tides of Tomorrow allerdings leider sehr langweilig, da sie mich inhaltlich kaum fesseln konnte. Die Handlung bot nicht genug spannende Momente oder emotionale Tiefe, um mein Interesse wirklich aufrechtzuerhalten. Besonders die Umweltbotschaft und die Fraktionskonflikte gingen an mir vorbei – die Geschichte war einfach nicht interessant genug für mich. Die Story leidet vor allem unter einem schwachen Spannungsbogen und wenig greifbaren Charakteren. Viele Entwicklungen wirken vorhersehbar, während zentrale Figuren kaum Tiefe erhalten und selten über ihre grundlegenden Motive hinauswachsen. Dadurch fällt es schwer, eine emotionale Bindung aufzubauen. Auch das Pacing trägt seinen Teil dazu bei: Längere, dialoglastige Abschnitte ziehen sich, ohne dass die Handlung wirklich an Fahrt gewinnt.

Grafik & Sound
Darüber hinaus muss ich zugeben, dass mir auch die Optik des Spiels nur bedingt gefallen hat. Grundsätzlich habe ich nichts gegen eine farbenfrohe Umgebung, doch die grellbunte Präsentation von Tides of Tomorrow empfand ich auf Dauer als anstrengend für die Augen. Hinzu kommen technische Schwächen: Vor allem in hektischen Szenen kam es immer wieder zu spürbaren Slowdowns, die den Spielfluss merklich beeinträchtigen. Ein ähnliches Bild zeigt sich auch bei der Akustik. Der Soundtrack wirkte auf mich stellenweise etwas befremdlich, während die Hauptprotagonisten zwar eine solide, insgesamt aber wenig herausragende Performance abliefern.

FAZIT:
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die interaktive Welt von Tides of Tomorrow auf den ersten Blick durchaus interessant wirkt. Häufig wird betont, dass Entscheidungen in Spielen eine große Bedeutung haben – und hier trifft das tatsächlich zu. Obwohl es sich bei Tides of Tomorrow im Kern um ein Singleplayer-Erlebnis handelt, entsteht dennoch das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Die Entscheidungen vergangener Spieler beeinflussen euren eigenen Durchlauf, während es gleichzeitig an euch liegt, wie sich eure Nachfolger durch die Kampagne schlagen werden. Handelt ihr großzügig oder egoistisch? Tretet ihr den Fraktionen aggressiv entgegen oder bleibt ihr wohlgesonnen? Jede dieser Entscheidungen hat direkte Auswirkungen auf andere Spieler da draußen. So überzeugend diese Mechaniken auch sind, bleiben sowohl die Geschichte als auch die Art-Direction letztlich Geschmackssache. In meinem Fall konnten mich beide Aspekte leider nicht vollständig abholen. Dennoch bietet das grundlegende Gameplay-Gerüst genügend interessante Ansätze, um dem Spiel zumindest eine Chance zu geben.
[ Gespielt auf der PS5 mit 4K HDR OLED TV ]
Pluspunkte:
- Story-System, wo Entscheidungen wirklich zählen
- Überraschend umfangreiche Kampagne
- Innovatives asynchrones Multiplayer-System
Minuspunkte:
- Fehlende Politur in Animationen, Charakterdesigns und Crowd-Szenen
- Story kommt nur schwer in Fahrt
- Steuerung ist etwas klobig
Spielinfos